Die journalistische Objektivität wird im embedded journalism ausgemustert. Aufklärung ade!
„Als ich vor mehr als einem halben Jahrhundert in der Rekrutenschule war, hiess es; Gehirn ausschalten und gehorchen. Befehle ausführen, ohne sie zu hinterfragen“, erzählte mir mein Grossvater oft. Es war eine seiner Lieblingsanekdoten aus Zeiten, in denen er noch jung war. Jahrzehnte später wurde auch ich in die Rekrutenschule einberufen. Kopf abschalten und Befehle ausführen – mir ging es manchmal nicht anders als meinem Grossvater. Natürlich hinterfragte ich unsere milizmilitärischen Aufgaben oft, doch meistens nur im Stillen. Für einen aufgeklärten Menschen stellt der Militärdienst einen Gegensatz zum Alltagsleben dar - für 21 Wochen (manchmal) den Verstand nicht nutzen.
„Militärische“ Aufklärung
Immanuel Kant definierte die Aufklärung sehr treffend: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Der Aufklärungsdiskurs findet nach wie vor statt und wir sind aufgeklärte Menschen – oder sollten es zumindest sein. Im Militärdienst geben wir einen Teil unserer Freiheit auf. Egal ob wir Schweizer unseren obligatorischen Milizdienst leisten oder ob Amerikaner sich für die Front im Irak einschreiben. Wobei man hier von einer selbst gewählten Unmündigkeit sprechen muss.
Seit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen im Irak im Jahr 2003 lesen wir in den Zeitungen täglich Berichte oder zumindest Nachrichten über den Krieg und werden mit Meldungen von neuen Todesopfern bombardiert. Im Fernsehen sehen wir hingegen vorwiegend Bilder von mutigen amerikanischen Soldaten, die sich dem Feindbild Terrorismus stellen. Diese einseitigen Aufnahmen stammen von embedded journalists (eingebettete Journalisten). Der Duden definiert den „Embed“ als einen im Krieg mit der Truppe mitziehenden und den Weisungen des Truppenkommandeurs unterstehenden Journalisten.
Journalisten in Reih und Glied
Die USA haben den hohen Stellenwert der Embeds erkannt. Eine limitierte Auswahl von Reportern wird gemeinsam mit der Truppe ausgebildet. Dieses Camp dauert mehrere Monate. Dementsprechend schnell entwickelt sich ein Gemeinschaftsgefühl unter den Soldaten und den Journalisten. Schon während der Ausbildung werden die Journalisten in ihrem Denken beeinflusst. „Nachdem sie (die Vormünder) ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, dass diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt ausser dem Gängelwagen, darin sie sie einsperrten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen droht, wenn sie es versuchen allein zu gehen“, schrieb Kant und auf das Militär bezogen hat er Recht. Nur in der Gruppe hat die Truppe eine Chance an der Front. An dieses Prinzip muss sich auch der Embed halten.
Nach der militärischen Ausbildung werden die Journalisten gemeinsam mit den Soldaten in den Irak geschickt. Als Frontkämpfer der Berichterstattung erleben sie den Krieg hautnah mit. Im Schützengraben und unter gegnerischem Feuer wird die Truppe inklusive Embed noch enger zusammengeschweisst. Er wird selbst unter Beschuss genommen, sieht die Wunden, die Gefallenen und die Grausamkeit. In dieser Situation verfällt der Reporter rasch dem „Embedded-Syndrom“. Er vergisst das journalistische Grundprinzip der Objektivität durch starke archaische Bindungsmuster und Identifikation mit seinen Beschützern. Kommt hinzu, dass der Embed das Kriegsgeschehen aus der Perspektive eines Soldaten sieht - eine verzerrte Realität. „Ich war ein Sprachrohr des Militärs“, sagte etwa eine US-amerikanische Journalistin. Die Mündigkeit nach Kant ist eingebettet in eine Truppe unmöglich. Der Journalist müsste den Menschen in seinem frei denkenden Geist unterstützen. Er ist ein Vertreter des Aufklärungsdiskurses, befindet sich aber inmitten einer militärischen Einheit - auf bedingungslosen Gehorsam gedrillt. Dies ist ein Widerspruch in sich.
Der Rest wird zensiert
Zur fehlenden Distanz kommt die militärische Zensur hinzu, welcher die Embeds unterliegen. Die Journalisten sind zwar an der Front, um von der Front zu berichten. Was sie berichten, wird aber streng kontrolliert. „Die Journalisten in Helm und schusssicherer Weste durften zwar berichten, nur die ersten vier Ws des Journalismus (Wer, Wie, Wo, Was), die man jedem Volontär in der ersten Woche hinter die Ohren schreibt, konnten sie nicht beantworten: militärisches Geheimnis“, fasst Christoph Müller in „Ein Plädoyer für Entschleunigung im Journalismus“ zusammen. Einsatzplan und Position der Truppe dürfen ebenso wenig publiziert werden, wie Bilder von toten oder verletzten US-Soldaten. Es besteht die Gefahr von Desinformation – zumal ein gewisser Berichterstattungsdruck auf den Reportern lastet. Die Folge sind inhaltslose Berichte. „Der Blick des Journalisten fällt durch den Sehschlitz des Panzers. Und der ist nicht sehr gross“, schrieb der deutsche Journalist Friedrich Nowottny und trifft mit seiner Aussage ziemlich genau die Probleme militärischer Zensur.
Verzicht auf embedded journalism?
Eingebetteter Journalismus ist kritisch zu betrachten. Die fehlende Distanz zum Kriegsgeschehen und die militärische Zensur schränken die journalistische Arbeit ein. Die amerikanische Regierung nutzt den embedded journalism als Propagandamittel für ihren Krieg. Nach Müller handelt es sich um einen Krieg als Event - real-time-Berichterstattung mit wenig konkreten Informationen. Die Embeds erzählen Geschichten so, dass sie unverständlich sind oder dass ihr faktischer Gehalt gegen null geht. Dieses life-action-Material sorgt unter der betroffenen Bevölkerung für hohes Interesse und Identifikation, wodurch die Masse der Medienkonsumenten gut gelenkt und manipuliert werden kann.
Ist es also besser, auf embedded journalism zu verzichten? Ich denke nicht. Auslandkorrespondenten fehlt die Nähe zum Kriegsgeschehen und sie berichten nur vom Hörensagen. Der Embed ist hingegen ein Teil der Front – ein Vor- wie auch Nachteil. „Dass aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit lässt, beinahe unausbleiblich“, schrieb Kant und im Sinne der Aufklärung gebe ich ihm Recht. Wie aber soll der Mensch sich über einen Krieg aufklären, der fern im Osten stattfindet? Eine erlebte Berichterstattung ist bisher nur mit den embedded journalists möglich – auch wenn sie subjektiv gefärbt ist.
/Poolitzer
Windows tsssss...
vor 17 Jahren
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