Mittwoch, 24. September 2008

Rentner, Rudel, Rempeleien - Ohrenschmerzen

Es vergeht kaum ein Tag in den öffentlichen Verkehrsmitteln, an dem man nicht stummer Zeuge penetranter rentnerischer Redenskultur wird. Selig sitzt man im Bus auf seinem Platz, in Gedanken versunken, lauscht der kirchlich anmutenden Ruhe – und zuckt erschrocken zusammen. „Hoi Ruth, jo hallo!“, zerschneiden kratzig gesprochene Wörter die Stille und garantieren Gänsehautfeeling. „Nai, nöd Ruth sondern Rosina (was älter und zweifelsohne treffender klingt). Hoi Margrithli“; stimmt die zweite Stimme in den Chor der Kratzbürsten ein. In Anbetracht des plötzlichen Aufgebots der Faltenhäute gerät die eigene Hühnerhaut schnell in Vergessenheit und das Übel, das rentnerische Geschwätz der tausend Banalitäten, nimmt seinen Lauf. Das penetrant laute Rentnergespann erzählt von Hund und Heiri, Wetter und Vetter, von Jugend und Tugend, von Tod und Beck Mühlemanns Brot. In langsamstem Gleichschritt kriechen die Wörter, in altbackenen Landeier-Dialekt gepackt, zwischen den dritten Zähnen der alten Weiber hervor. Manche der Gespräche richten sich an den Busfahrer (Gott sei ihm gnädig), an die Hausfrau mit Kind (Gott sei dessen Wangen gnädig) oder einfach ans Nichts (auch ihm sei Gott gnädig). Das Tratschgewirr verliert sich in der Unendlichkeit und lethargisch versinkt man in unruhigen Schlaf, nicht ohne dutzende Male aus den Schlummerfantasien von rentnerfreien Zonen gerissen zu werden. Und endlich erscheint ein Lichtblick in diesen dunkeln Zeiten seniler Plauderei. Eine der alten Damen presst ihren zittrigen Zeigefinger auf die „Stopp-Taste“, um gleich darauf schon viel zu früh vor der Haltestelle aufzustehen. Vielleicht einige hundert Meter, die dem jugendlichen Laien aber wie hunderte von Kilometern vorkommen. Nicht ganz so weit ist die Distanz von Rentnerin zu Rentnerin, was sich aber nicht minder auf den Lautstärkepegel, der bestimmt schon über 100 Dezibel liegt, auswirkt. Ohren zu und nach vorne Schauen lautet die Devise und endlich hält der Bus an der gewünschten Stelle an. Der Motor wird gedrosselt, Hintergrundgeräusche schwinden und vordergründige flammen erneut auf und fressen sich in die vielleicht bereits geschädigten Hörgänge der penetrierten Busgäste ein. „Also tschau Ruth. Mach’s guet und es schös Tägli!“, beginnt der Abschied, nein die Abschiedszeremonie der labernden Weiber. „Nöd Ruth, Rosina. Der au es schös Tägli Margrithli und seisch em Heiri en Gruäss gäll?“, schleicht sich die Rückmeldung durch den Sitzraum und das schicksalsträchtige Wort „gäll“, lechzend nach Antwort, brennt sich in die Erinnerung. „Jo das werd i usrichte und dim Hans au einä!“, endet die Rentnerrederei und es jauchzt das Herz, Gott sei Dank!

Eine Haltestelle später steigt ein alter Bekannter von mir ein und setzt sich lächelnd neben mich. „Hoi Chiavi, wiä goht’s?“, fragt er. „Ciao Thomas. Super, und der?“, antworte ich etwas lauter, froh über die Gesellschaft. „Mer au. Aber s Wetter chönt besser sii“, gibt er zurück. „Do häsch Recht. Ah jo und häsch scho vom Heiri ghört? Er schafft jetzt bim Beck Mühlemann“, führe ich die Plauderei weiter und irgendwie kommt mir das alles beängstigend bekannt vor.

/Poolitzer